Jes von Neon Hearts Club über die Bedeutung von „Applause“ – wenn sich falsche Anerkennung trotzdem gut anfühlt
- 30. Mai
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Der Ausgangspunkt für „Applause“ war eine Geschichte, von der Daniel mir erzählt hat. Olli Schulz hatte in einem Podcast von einem Stamm-Café berichtet, in dem die Bedienung immer sehr nett zu ihm war. Er ging gern dorthin und dachte zunächst, dass diese Freundlichkeit etwas Persönliches sei. Irgendwann stellte er fest, dass sie zu allen Gästen genauso nett war wie zu ihm. Es ging also nie wirklich um ihn.
An dieser Geschichte ist bei uns etwas hängen geblieben. Denn wahrscheinlich kennt jeder dieses Gefühl in irgendeiner Form: Man bekommt Anerkennung und weiß vielleicht sogar, dass sie nicht so ehrlich oder persönlich gemeint ist, wie man sie gerade gern verstehen würde. Trotzdem fühlt sie sich gut an.
Das muss nicht immer eine große Bühne sein. Es kann schon damit anfangen, jemandem etwas Neues zu zeigen und auf ein „Ja, gefällt mir“ zu hoffen. Gleichzeitig kennt man auch die andere Seite: Man sagt selbst, dass etwas gut ist, weil es höflich ist oder in der Situation erwartet wird, obwohl man es eigentlich gar nicht so meint.
Für mich steckt darin etwas sehr Menschliches. Wir brauchen manchmal Bestätigung, auch wenn wir wissen, dass sie nicht vollkommen echt ist. In unserem Song steht der Applaus genau für diese Form von Anerkennung: Er ist da, aber er gilt nicht unbedingt dem echten Ich. Er entsteht aus dem Kontext, aus einer Rolle oder aus einem kurzen Moment heraus.
In „Applause“ wird dieser Applaus zur schnellen Lösung für ein viel tieferes Problem. Im Leben der Person, aus deren Perspektive der Song erzählt wird, läuft vieles schief. Sie ist unzufrieden, fühlt sich festgefahren und erkennt sogar, dass sich etwas ändern muss. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass sie sich wieder genau dort die Bestätigung holen wird, von der sie längst weiß, dass sie nichts wirklich löst.
Genau darin liegt für mich der Selbstbetrug des Songs: nicht darin, dass man die Wahrheit nicht erkennt, sondern darin, dass man sie erkennt und trotzdem lieber noch einmal den kurzen, einfachen Trost nimmt, anstatt sich ehrlich mit sich selbst auseinanderzusetzen.
Ich kenne dieses Gefühl auch von mir. Der Song hat mir ermöglicht, nach etwas zu greifen und zu verbalisieren, das mir vorher vielleicht nicht in dieser Form bewusst war. Gemeinsam konnten wir diesem Gefühl nachgehen und daraus eine Geschichte bauen. Ich glaube, dass man das dem Song auch anhört, wenn man genau hinhört.
„Applause“ ist sehr früh in unserer Zusammenarbeit entstanden. Die ersten Zeilen und den Refrain hatte Daniel zunächst auf Deutsch und nur mit einer Akustikgitarre geschrieben. Als wir uns später entschieden, mit Neon Hearts Club auf Englisch weiterzumachen, habe ich diese ersten Ansätze übersetzt und wir haben den Song gemeinsam fertiggeschrieben. Bei „Applause“ hat sich die englische Version sofort richtig angefühlt.
Der Song bedeutet mir auch deshalb so viel, weil er einer unserer ersten wirklichen gemeinsamen Songwriting-Erfolge war. Daniel brachte diese Geschichte mit, sie löste etwas in mir aus, und gemeinsam wussten wir sehr schnell, wohin wir mit diesem Gefühl wollten. Die Szene, die Perspektive und die Stimmung des Songs sind sehr bewusst entstanden.
Ich würde sogar sagen, dass „Applause“ mit seiner Bedeutung einer der Songs ist, die stark dazu beigetragen haben, dass es Neon Hearts Club heute in dieser Form gibt. Bei diesem Song haben Daniel und ich gemerkt, wie gut wir gemeinsam Geschichten erzählen können – und wie sehr wir uns beim Schreiben gegenseitig bereichern.
Neon Hearts Club aus Braunschweig besteht aus den beiden Freunden Daniel Tomas und Jes Bahl. Mit „Applause“ veröffentlichte das Duo im Mai seine zweite Single. Im Juni folgt mit „Remember Me“ bereits die nächste Veröffentlichung – bis im Herbst dann die letzten beiden Songs Ihrer geplanten EP kommen.
„Applause“ ist jetzt auf Spotify, Apple Music und vielen weiteren Streamingplattformen verfügbar.





